Netzüberspannung am Wechselrichter: Ursachen und Lösungen

Kurz gesagt

Bei Netzüberspannung trennt sich der Wechselrichter vom Netz, weil die Spannung über dem zulässigen Wert liegt, meist über 253 Volt im 10-Minuten-Mittel. Das ist eine Schutzfunktion, kein Defekt. Kommt die Meldung regelmäßig an sonnigen Mittagen, liegt es an hoher Spannung im Ortsnetz oder an einer zu langen oder zu dünnen Leitung zum Wechselrichter.

Netzüberspannung ist einer der häufigsten Gründe, warum ein Wechselrichter sich tagsüber kurz abschaltet. Bei SMA heißt die Meldung zum Beispiel 301 „Netzstörung 10-Minuten-Mittelwert“, bei Fronius 102 oder 101, bei Growatt und GoodWe „Grid Overvoltage“ oder „Vac High“. Der Wechselrichter ist in diesen Fällen fast nie kaputt. Er tut genau das, was er soll.

Welche Grenzwerte gelten

Die Nennspannung im deutschen Niederspannungsnetz beträgt 230 Volt. Nach der Norm EN 50160 darf sie um zehn Prozent schwanken, also zwischen 207 und 253 Volt. Für Wechselrichter legt die VDE-AR-N 4105 fest, wann sie sich trennen müssen:

Schutzfunktion Grenzwert Reaktion
Spannungssteigerung, 10-Minuten-Mittelwert 253 V (110 %) Abschaltung spätestens nach 3 Sekunden
Spannungssteigerung, schnell 287,5 V (125 %) Abschaltung innerhalb von 100 ms
Spannungsabsenkung 184 V (80 %) Abschaltung nach 3 Sekunden

Der 10-Minuten-Mittelwert ist in der Praxis der entscheidende Wert. Kurze Spitzen lösen ihn nicht aus, eine dauerhaft hohe Spannung über die Mittagszeit schon. Nach der Abschaltung wartet der Wechselrichter, bis die Spannung wieder im Rahmen liegt, und schaltet nach einer Prüfzeit von meist einer Minute selbst wieder zu.

Warum die Spannung steigt

Früher floss der Strom im Ortsnetz nur in eine Richtung: vom Trafo zu den Häusern. Die Spannung sank auf dem Weg ein wenig ab. Heute speisen viele Häuser ein. Dann fließt Strom zurück Richtung Trafo, und die Spannung steigt an den Enden des Netzes.

  • Viele PV-Anlagen in der Straße (häufig): An sonnigen Mittagen mit wenig Verbrauch drücken alle gleichzeitig Strom ins Netz. Häuser am Ende eines langen Strangs, weit vom Trafo, sind am stärksten betroffen.
  • Trafo auf hohe Spannung eingestellt (gelegentlich): Manche Netzbetreiber stellen den Trafo etwas höher ein, damit am Strangende abends genug Spannung ankommt. Mittags wird es dann eng.
  • Spannungsabfall im Haus (gelegentlich): Der Wechselrichter muss seine Spannung über den Hausanschluss hinaus anheben, um einzuspeisen. Ist die Leitung vom Wechselrichter zum Zählerschrank lang oder dünn, misst er mehrere Volt mehr als am Hausanschluss. Die Norm sieht vor, dass der Spannungsanstieg durch die eigene Anlage bei der Planung klein bleibt.
  • Lockere Klemme (selten): Ein schlechter Kontakt am Leitungsschutzschalter oder an einer Klemme erzeugt zusätzlichen Spannungsabfall und wird warm.

So liest du das Muster

  • Abschaltungen nur mittags bei Sonne, an vielen Tagen: hohe Netzspannung, durch die Einspeisung verstärkt. Der typische Fall.
  • Einzelne Meldungen zu beliebigen Zeiten: Schaltvorgänge im Netz oder Gewitter. Kein Handlungsbedarf.
  • Meldung auch nachts oder bei Bewölkung: Die Spannung ist grundsätzlich zu hoch oder schwankt stark. Hier ist eher der Netzbetreiber gefragt.
  • Nur ein Wechselrichter in der Straße betroffen: Das spricht eher für ein Problem im Haus, etwa die Leitung zum Zählerschrank.

Was du selbst tun kannst

  1. Abwarten. Einzelne Abschaltungen erledigen sich von selbst. Ein Neustart ist nicht nötig.
  2. Werte ablesen. Viele Wechselrichter zeigen die aktuelle Netzspannung im Display oder in der App. Notiere, was bei der Abschaltung angezeigt wird.
  3. Protokoll führen. Datum, Uhrzeit, Wetter, angezeigte Spannung. Zwei bis drei Wochen reichen, um ein klares Bild zu bekommen.
  4. Eigenverbrauch in die Mittagszeit legen. Waschmaschine, Spülmaschine, Wallbox oder Wärmepumpe mittags laufen lassen senkt die Einspeisung und damit den Spannungsanstieg am eigenen Anschluss. Das hilft etwas, löst das Problem aber nicht, wenn das Ortsnetz insgesamt zu hoch liegt.
  5. Nachbarn fragen. Haben andere PV-Besitzer dieselben Abschaltungen? Dann liegt es fast sicher am Netz.

Finger weg von den Grenzwerten. Die Netzschutzeinstellungen sind nach Ländernorm hinterlegt und oft mit einem Installateurpasswort gesperrt. Wer sie eigenmächtig erhöht, verstößt gegen die Anschlussbedingungen des Netzbetreibers.

Was der Installateur tun kann

Der Installateur misst die Spannung am Wechselrichter und am Hausanschluss gleichzeitig. Ist der Unterschied groß, liegt das Problem in der Leitung. Dann hilft ein größerer Leitungsquerschnitt oder ein kürzerer Weg.

Liegt die Spannung schon am Hausanschluss zu hoch, kann er die Blindleistungsregelung prüfen. Wechselrichter können über einen verschobenen Leistungsfaktor die Spannung etwas senken. Welche Kennlinie gilt, gibt der Netzbetreiber vor. Einige Geräte bieten außerdem eine Wirkleistungsreduzierung bei hoher Spannung an, die statt einer kompletten Abschaltung nur die Leistung drosselt.

Wann der Netzbetreiber zuständig ist

Die Spannungsqualität am Hausanschluss ist Sache des Netzbetreibers. Wenn die Spannung dort regelmäßig über 253 Volt liegt, muss er nachbessern, etwa durch Umstellen des Trafos, einen regelbaren Ortsnetztrafo oder einen Netzausbau.

Eine Beschwerde hat nur mit Messwerten Aussicht auf Erfolg. Lass deinen Installateur die Spannung über eine Woche mit einem Messgerät aufzeichnen und schick das Ergebnis schriftlich an den Netzbetreiber. Viele Netzbetreiber bauen dann selbst ein Messgerät ein. Das dauert oft Wochen bis Monate, lohnt sich aber, wenn deine Anlage regelmäßig die besten Stunden verliert.

Kurz zusammengefasst

Netzüberspannung ist eine Schutzabschaltung, kein Defekt. Einzelne Meldungen kannst du ignorieren. Häufen sie sich an sonnigen Mittagen, führe ein Protokoll und lass den Installateur messen, ob das Problem im Haus oder im Netz liegt. Liegt es im Netz, ist der Netzbetreiber zuständig. Die Grenzwerte selbst zu verstellen ist keine Lösung.

Redaktion PV-Fehler · Stand: · Angaben ohne Gewähr.

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